September 1939 bis Juni 1940

Autor: Mario Golze

U8 bei voller Fahrt

 

"Getrieben von der Kanone zum Torpedo und vom Torpedo zur Mine, haben die U-Boote nun den Gipfel der Niedertracht erreicht."
Winston Churchill November 1939

 

Zwischen den Kriegen

Obwohl das britische Empire im Frühjahr 1917 am Rande des völligen Zusammenbruchs stand, war die U-Boot-Gefahr für das Land, dessen Wirtschaft fast vollständig von den Einfuhren aus den überseeischen Besitzungen abhängig war, schon kurz nach Ende des Krieges verdrängt worden. Politisch war Großbritannien als größte Seemacht bestrebt, die U-Boot-Waffe als Seekriegsinstrument einer unterlegenen Nation zu verbieten. In den Jahren nach 1930 machte man sich in der britischen Admiralität überhaupt keine Sorgen mehr. Ein neuentwickeltes Gerät mit dem Namen Asdic schien den U-Booten ihren Vorteil der Unsichtbarkeit genommen zu haben. Allerdings übersah man die Tatsache, das dieses Gerät nur eine Reichweite von lediglich 1200 Meter hatte, unterhalb von 200 Meter völlig blind war und gegen ein über Wasser angreifendes Boot völlig nutzlos war. Auch an die Entwicklung eines funktionierenden Geleitzugsystems wurde nicht mehr gedacht. Die britische Flotte vernachlässigte die Ausbildung zur U-Boot-Abwehr und alle warnenden Stimmen wurden nicht beachtet.
Dem geschlagenem Deutschland war im Vertrag von Versailles der Besitz von U-Booten untersagt worden. Doch schon frühzeitig wurde eine geheime Forschungsstelle gebildet, die sich mit Fragen der U-Boot-Waffe befaßte. In Holland wurde ein U-Bootkonstruktionsbüro eröffnet, das sich mit der Entwicklung von Booten für ausländische Marinen beschäftigte. Auch deutsche Rüstungsfirmen waren an diesem Projekt beteiligt, sodaß sie schon wertvolle Erfahrungen sammeln konnten, bevor in Deutschland das erste Boot gebaut werden durfte.
Nach 1932 begannen die ersten Planungen zum Aufbau einer deutschen U-Boot-Flotte. Vorerst noch geheim, aber nachdem im deutsch-britischen Marineabkommen von 1935 Deutschland das Recht bekam, U-Boote im Verhältnis von 45% zur den britischen U-Booten zu bauen, liefen schon vier Tage später die ersten Exemplare vom Stapel. Es handelte sich dabei um Boote des Typs II. Am 27.September 1935 wurde aus den ersten drei
U-Booten und dem Mutterschiff Saar die erste U-Boot-Flottille Weddingen gebildet.


Der Kommandeur der deutschen U-Boote

Zum Flottillenchef wurde ein ehemaliger U-Boot-Offizier aus dem 1.Weltkrieg ernannt, Fregattenkapitän Karl Dönitz. In der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen diente er unter anderem auf Torpedobooten und übernahm von diesen die Angriffstaktik. Aufgrund ihrer schmalen Silhouette sollten sich die U-Boote dem Gegner unerkannt nähern, ihre Torpedos abfeuern und anschließend ablaufen. Diese Angriffstaktik, als auch der Angriff mehrere Boote auf einen Geleitzug, der sogenannten Rudeltaktik, wurde bis zum Ausbruch des Krieges in der Ostsee unermüdlich trainiert. Trotz aller Bemühungen der U-Boot-Männer, insbesondere ihres Kommandeurs, war die deutsche U-Boot-Waffe auf dem nun beginnenden Krieg mit England überhaupt nicht vorbereitet. Schon seit längerem hatte der inzwischen zum Kapitän zur See beförderte Führer der Unterseeboote (FdU) Karl Dönitz auf die Möglichkeiten der U-Boote im Zufuhrkrieg hingewiesen und eine Flotte von mindestens 300 Booten gefordert. Zu Beginn des Krieges standen ihm aber lediglich 57 Boote zur Verfügung, von denen aber ein Teil in der Ostsee zur Ausbildung eingesetzt wurden.


Der Ausbruch des Krieges

Schon am 15. August wurde der FdU, Kapitän zur See Dönitz aus dem Urlaub zurückgerufen. Die Seekriegsleitung plante, alle verfügbaren Boote, bei Kriegsausbruch in See zu haben. Insgesamt 49 Boote von den insgesamt 57 Booten der Kriegsmarine verließen unter strengster Geheimhaltung die Heimathäfen und liefen in ihre befohlenen Operationsräume.
Nachdem Großbritannien und Frankreich im Laufe des 03.Septembers ihren Bündnisverpflichtungen gegenüber Polen nachkamen und Deutschland den Krieg erklärten, erging der Einsatzbefehl an alle U-Boote, die Feindseligkeiten gemäß Prisenordnung zu eröffnen. Die Prisenordnung besagt, das alle, als feindlich anzusehende Handelsschiffe gestoppt werden dürfen und nach Kontrolle der Ladung gekapert oder versenkt werden dürfen. Das Leben der Besatzung muß unter allen Umständen geschont werden. Erst bei feindseligen Handlungen, durfte mit dem Einsatz der Waffen reagiert werden. Für das, beim Angriff aufgetaucht operierende U-Boot bestand dabei die Gefahr, auf ein bewaffnetes Handelsschiff, oder sogar auf einen getarnten Hilfskreuzer zu treffen. Allerdings wollte Hitler den Konflikt zunächst noch auf Polen begrenzen. In der Hoffnung, einen größeren Konflikt mit den Westmächten vermeiden zu können, wurde den U-Booten strenge Regeln gesetzt.

Erste "Erfolge"


Schon wenige Stunden nach der Freigabe der Operationen der U-Boote kam es zu einem ersten Zwischenfall.
U 30 unter Kapitänleutnant Fritz-Julius Lemp torpedierte das britische Passagierschiff Athenia mit über 1400 Zivilisten an Bord. 118 Menschen kamen dabei ums Leben, darunter einige Amerikaner. Dieser Vorfall wurde von beiden Seiten für die eigene Propaganda ausgenutzt. Am 05.September gelang U 47 unter Kapitänleutnant Prien die erste Versenkung eines britischen Handelsschiffes. Nachdem er die Besatzung an einen neutralen norwegischen Frachter übergeben hatte, versenkte er die Bosnia. Die Alliierten reagierten bereits nach wenigen Tagen auf die sich nun häufenden Angriffe deutscher U-Boote mit der Bildung von Schiffkonvois und der Entsendung von U-Jagdgruppen. Auch wenn bereits am 14.September mit U 39 (Kapitänleutnant Gerhard Glattes) das erste deutsche U-Boot der Gruppe um den Flugzeugträger Arc Royal zum Opfer fiel, so hatten doch die Briten mit dieser Taktik in den ersten Kriegsjahren wenig Erfolg. Da die Zerstörer mit ihren Asdic-Geräten nur einen Suchradius von wenigen hundert Metern hatten, glich diese Methode der berühmten Suche nach einer Stecknadel im Heuhaufen.

Die von U30 unter Fritz Julius Lemp versenkte Athenia

 

Auch bei diesem erstem Erfolg hatten nicht die Zerstörer das U-Boot gefunden, sondern U 39 hatte den Flugzeugträger angegriffen und damit seine Anwesenheit verraten.
Schon drei Tage später kam es zu einer Katastrophe für die U-Jagdgruppen, als der Träger Courageous dem getauchtem U 29 (Kapitänleutnant Schuhard) vor die Torpedorohre lief und mit zwei Torpedotreffer versenkt wurde. (500 Tote). Daraufhin brach die Royal Navy alle U-Jagdoperationen mit den Flugzeugträgern sofort ab.
Insgesamt versenkten die deutschen U-Boote im ersten Kriegsmonat 41 Handelsschiffe mit ca. 150.000 BRT bei zwei eigenen Verlusten.

Der Stier von Scapa Flow

Der inzwischen zum Konteradmiral beförderte FdU war mit den Anfangserfolgen zufrieden, aber er wollte einen spektakulären Erfolg seiner U-Boote vorweisen können. Durch seinen Stab ließ er eine kühne Operation vorbereiten, einen Angriff auf den Heimathafen der britischen Home Fleet. An der Nordspitze der Britischen Inseln hatte die Royal Navy ihren Hauptliegeplatz in einer, zwischen mehreren Inseln liegenden Bucht. Bei der Auswertung von Luftaufnahmen entdeckte Dönitz eine Lücke in den Sperranlagen, die es einem U-Boot ermöglichen würden, in die Bucht einzulaufen und nach einem Angriff wieder zu entkommen. Am 08.Oktober lief U 47 unter Kapitänleutnant Prien aus, und erreichte Scapa Flow am 13. desselben Monats. In der darauffolgenden Nacht drang er in die gesicherte Bucht ein und erzielte vier Torpedotreffer auf dem alten Schlachtschiff Royal Oak, dessen Munitionskammern explodierten. Der Rest der britischen Home Fleet hatte sich nach Loch Ewe an die schottische Westküste zurückgezogen. Mit dem Schlachtschiff gingen 833 britische Seeleute unter. Als Günther Prien am 17. Oktober wieder in Kiel einlief, wurde er begeistert empfangen. Dönitz wurde zum Befehlshaber der U-Boote (BdU) befördert, die gesamte Besatzung erhielt das Eiserne Kreuz und der Kommandant wurde mit dem Ritterkreuz ausgezeichnet.

Das alte Schlachtschiff Royal Oak aus dem ersten Weltkrieg

 

Der Weg zum uneingeschränkten U-Boot-Krieg.

Die wenigen U-Boote, die die deutsche Kriegsmarine zur Verfügung hatte, waren bei ihren Angriffen größten Gefahren ausgesetzt. Um dies zu verhindern und um den Druck auf Großbritanniens Schiffahrt zu erhöhen, hob die Seekriegsleitung schon wenige Wochen nach Kriegsbeginn die Angriffsbeschränkungen nach und nach auf.
Nach der Versenkung der Athenia hatte Hitler darauf bestanden, das sich die U-Boote strikt an das U-Boot-Protokoll von 1936 hielten, in dem die Prisenordnung klar definiert worden war. Erst nachdem klar wurde, das die Alliierten die Besetzung Polens nicht hinnehmen würden und die Vereinigten Staaten das "Cash and Carry Gesetz" beschlossen hatten, in welchem alle kriegführenden Nationen das Recht erhielten, Rüstungsgüter in den Vereinigten Staaten zu kaufen, wenn sie diese selber abholten und sofort bezahlen würden, ( für Deutschland war dies aufgrund der Blockade durch die Royal Navy unmöglich) wurde der U-Boot-Krieg verschärft.
Als erstes wurde der Angriff auf um Hilfe funkende Schiffe freigegeben. Später ging man dazu über, alle, als feindlich anzusehende Handelsschiffe, ohne Warnung zu versenken. Dönitz wies seine Kapitäne an, auf die Besatzungen der angegriffenen Schiffe keine Rücksicht mehr zu nehmen. Dem eigenen Boot und deren Besatzung sollte die ganze Aufmerksamkeit des Kommandanten gelten. Trotzdem kam es immer wieder zu kameradschaftlicher Fürsorge für die schiffbrüchige feindliche Besatzung.
Als letzter Schritt, wurde das Seegebiet rund um die britischen Inseln zur Sperrzone erklärt, in der alle Schiffe, egal ob feindlich oder neutral angegriffen und versenkt werden durften.
Um die Royal Navy beim Schutz der Handelsschiffahrt zu entlasten, berief der amerikanische Präsident Roosevelt eine Konferenz aller amerikanischen Länder ein, auf der beschlossen wurde, einen großen Teil des Atlantiks zur panamerikanischen Sicherheitszone zu erklären, in der keine Kriegsschiffe der kriegführenden Nationen operieren durften. Die US-Navy überwachte dieses Seegebiet.

Die Torpedo-Krise

Nachdem immer mehr Handelsschiffe mit Torpedos angegriffen worden waren, wurde die Führung der deutschen U-Boot-Waffe mit einem Problem konfrontiert, mit dem vor dem Krieg nicht gerechnet worden war. Viele Torpedos liefen offensichtlich am Ziel vorbei, oder detonierten vorzeitig und brachten damit das angreifende U-Boot in Gefahr. Nach Schätzungen der U-Boot-Führung waren über 30 % der Torpedos fehlerhaft. Als erste Maßnahme verbot der BdU den Einsatz der Torpedos mit Magnetzündung. Doch damit war das Problem nicht gelöst. Die Torpedo-Inspektion und die Torpedo-Versuchsanstalt untersuchten fieberhaft das Problem, konnten aber zunächst keine Ursache finden. Am 20.Oktober wurde der U-Boot-Führung mitgeteilt, das die Torpedos ca. 2 Meter unter der eingestellten Tiefe liefen. Doch damit war die Torpedokrise noch nicht behoben.
Am 24. Februar kehrte U-48 unter Herbert Schultze von seiner vierten Feindfahrt nach Kiel zurück. Mit seinen 114.510 BRT hatte er als erster die magische Zahl von 100.000 BRT übertroffen und wurde dafür mit dem Ritterkreuz ausgezeichnet.
Nachdem im November und Dezember die Versenkungen zurückgegangen waren, stiegen sie in den ersten beiden Monaten des Jahres 1940 wieder sprunghaft an. Danach mußte Admiral Dönitz den Großteil seiner wenigen
U-Boote aus dem Atlantik abziehen, da sie die Seekriegsleitung für die Operation "Weserübung", der Besetzung von Norwegen und Dänemark, benötigte. Daraufhin gingen die Versenkungszahlen im Atlantik wieder stark zurück.
Den deutschen U-Booten, die beim Unternehmen "Weserübung" als Vorposten eingesetzt wurden, liefen aufgrund der starken feindlichen Schiffsbewegungen viele Transporter und Kriegsschiffe vor die Rohre. Es wurden aber keine spektakulären Erfolge erzielt. Obwohl viele Boote in aussichtsreiche Angriffspositionen gelangten, liefen die meisten Torpedos vorbei oder explodierten nicht. Die Gründe hierfür waren nicht in den schlechten Leistungen der Besatzungen zu sehen, sondern es lag an der mangelnden Zuverlässigkeit der eingesetzten Torpedos. Die Moral der U-Boot-Besatzungen sank enorm, aber eine Ursache war noch nicht gefunden worden, geschweige denn eine Lösung des Problems.

Die neue U-Boot-Offensive

Nachdem viele Boote aus Norwegen in ihre Heimathäfen zurückgekehrt waren, begann ein neuer Angriff auf Englands Schiffahrtsrouten. Zunächst wurde nur ein U-Boot, U 37 in den Atlantik entsand. Am 16.Mai 1940 griff diese Boot erstmalig nach Wochen der Ruhe wieder an. Die ersten vier abgefeuerten Torpedos waren allesamt Versager. Nachdem Dönitz die Meldung von diesem Mißerfolg erhalten hatte, verbot er unverzüglich den Gebrauch der Magnetzündpistole. Von nun an wurden nur noch Torpedos mit Aufschlagzünder eingesetzt und die Versenkungen stiegen sofort wieder an.


Zusammenfassung

Am Ende dieser ersten Phase des U-Boot-Krieges hatten die Deutschen 23 U-Boote verloren. 15 U-Boote waren neu in Dienst gestellt worden. Damit war der BdU, Karl Dönitz weit von seinen geforderten 300 U-Booten entfernt.
Von diesen Booten waren ca. 260 Handelsschiffe mit einer Tonnage von 1.136.926 BRT vernichtet worden.
Zu größeren Geleitzugschlachten war es bisher noch nicht gekommen. Die meisten Verluste trafen einzeln laufende Handelsschiffe. Daher war man bei der Royal Navy der Ansicht, der U-Boot-Gefahr wirksam begegnen zu können, indem man das Geleitzugsystem weiter ausbaute und mit dem verstärkten Einsatz, neu in Dienst gestellter Geleitzerstörer und Geleitkorvetten gerechnet werden durfte.

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