Mitte 1940 bis März 1941

Autor: Mario Golze

Die Besatzung eines torpedierten Frachters verläßt das sinkende Schiff

 

"Wir alle fühlten uns wie Schulkinder an Weihnachten... "
Kapitänleutnant Kretschmer über die sogenannte "glückliche Zeit".

 
Nachdem die U-Boot-Flotte der Deutschen Kriegsmarine ihren Einsatz um Norwegen beendet hatte, konnte sie den Handelskrieg im Atlantik wiederaufnehmen. Mitte Mai 1940 hatte U 37 unter Kapitänleutnant Oehrn einen ersten Angriff unternommen und dabei feststellen müssen, das die verwendeten Magnetzündpistolen, die den Torpedo genau unter dem Schiff explodieren ließen, nicht zuverlässig funktionierten. Der BdU, Dönitz, verbot sofort bis auf weiteres, den Einsatz dieser, an sich sehr wirkungsvollen Zündeinrichtung und es kamen wieder die, inzwischen verbesserten, Aufschlagzünder zum Einsatz. Sofort erzielten die U-Boot-Besatzungen wieder Erfolge.
Am 24.Mai wurden von der Seekriegsleitung alle Einschränkungen des U-Boot-Krieges im Seegebiet um England und Frankreich aufgehoben. Nur die Schiffe der Verbündeten Italien und Japan, sowie sowjetische Frachter sollten verschont werden.

Deutsche Hilfskreuzer auf allen Meeren

Im Frühjahr 1940 war die erste Welle von Hilfskreuzern aus deutschen Häfen ausgelaufen und es begann auch auf entfernteren Handelsrouten der Krieg gegen die alliierte Schiffahrt. Bei den Hilfskreuzern handelte es sich um umgebaute Handelsschiffe, die mit sechs 15.0 cm Geschützen, Torpedorohren und Minen ausgerüstet waren. Die Bewaffnung wurde hinter umklappbaren Holzwänden versteckt, sodaß sie von normalen Handelsschiffen nicht unterschieden werden konnten.
Nachdem sie ihre Operationsgebiete erreicht hatten, begannen sie mit der Jagd auf feindliche Schiffe und legten Minensperren. Für die Royal Navy war die Suche nach diesen Handelsstörern extrem schwierig, da sie oft ihr Aussehen änderten und sich dabei immer wieder als neutrale Handelsschiffe tarnten. Sie versorgten sich oftmals aus den Beständen ihrer Opfer und konnten z.T. jahrelang operieren.

Der Hilfskreuzer PINGUIN lief am 31. März als erster Handelsstörer aus Kiel Richtung Südatlantik aus. Auf diesem Bild ist er als griechisches Handelsschiff getarnt.


"Die glückliche Zeit"

Im Juni 1940 erreichte die U-Boot-Offensive gegen England einen neuen Höhepunkt. Obwohl Dönitz weniger U-Boote als zu Beginn des Krieges zur Verfügung hatte, versenkten sie in diesen Wochen fast 290.000 BRT an Handelsschiffraum. Diese Erfolge fielen ihnen leicht, weil fast alle britischen Geleitschiffe im Kanal zur Evakuierung des britischen Expeditionskorps bei Dünkirchen eingesetzt wurden. Dabei erlitten besonders die Zerstörerflottillen empfindliche Verluste durch die deutsche Luftwaffe.
Inzwischen gingen die U-Boote immer mehr dazu über, Geleitzüge anzugreifen. Der wachsenden Anzahl von Schiffen, die nun die dringend benötigten Waffen und Ausrüstungsgegenstände aus den Vereinigten Staaten nach England brachten, standen immer weniger Geleitschiffe zur Verfügung. Einem Konvoi aus 30 Frachtern wurden z.B. eine Korvette und ein Trawler entgegengeschickt. Ein Brückenoffizier rief einmal seinem Kapitän zu: "Sieh mal, was sie uns geschickt haben, ein Floß und ein Rettungsboot."
Obwohl die Zahl der deutschen U-Boote im Sommer 1940 immer noch genauso gering war, wie zu Beginn des Krieges, befanden sie jedoch mehr U-Boote auf den feindlichen Handelsrouten im Einsatz. Der Besitz von Stützpunkten in Norwegen und an der französischen Atlantikküste verkürzte die Anmarschwege, sodaß die
U-Boote schon wenige Tage nach ihren letzten Angriffen wieder im Operationsgebiet standen.
Die britische Regierung stand in dieser kritischen Zeit vor der schweren Entscheidung, die wenigen Geleitschiffe entweder den Geleitzügen mitzugeben, oder sie in den Kanalhäfen zur Abwehr der erwarteten Invasion zu belassen. Inzwischen ging das Gemetzel auf den Western Approaches, dem Seegebiet westlich von England, weiter.
Am 17. August 1940 proklamierte Hitler die totale Blockade der britischen Inseln. Er warnte alle neutralen Schiffe davor, England anzulaufen. Allein in der letzten Augustwoche wurden über 110.000 BRT versenkt.

Die ersten Geleitzugschlachten.

Am 25.August 1940 wurde der heimwärts laufende Konvoi HX 65 A angegriffen und verlor dabei sechs Schiffe. Am 29. desselben Monats gelang es U 100 unter Kapitänleutnant Schepke aus dem Konvoi OA 204 vier Schiffe innerhalb weniger Stunden herauszuschießen. Die U-Boote griffen in der Dunkelheit über Wasser an und konnten sich aufgrund ihrer schmalen Silhouette unerkannt auf Torpedoschußweite nähern und anschließend ebensoschnell entkommen, um wenig später erneut anzugreifen. Den wenigen Begleitschiffen konnten sie aufgrund ihrer größeren Überwassergeschwindigkeit entkommen. Da die U-Boote nur unter Wasser mit dem Asdic-Gerät geortet werden konnten, blieb den Geleitkorvetten und Trawlern nur die Möglichkeit, nach einem erfolgten Angriff mit Leuchtgranaten das Seegebiet zu erhellen, um das U-Boot zum Tauchen zu zwingen. Doch nur äußerst selten hatten sie damit Erfolg. Machtlos mußten sie mit ansehen, wie ein Schiff nach dem anderen in der Dunkelheit torpediert wurde.

50 Zerstörer für Churchill

Am 31.Juli 1940 hatte der britische Premierminister Churchill an den amerikanischen Präsidenten telegraphiert und um modernisierte Zerstörer aus dem 1. Weltkrieg gebeten. Am 13. August teilte ihm Roosevelt mit, das die USA 50 Zerstörer aus ihren Beständen an die Royal Navy abgeben könnte, im Austausch für britische Stützpunkte auf Neufundland, den Bahamas und in der Karibik. Diese Stützpunkte waren für die Verteidigung der USA von großem strategischen Wert. Am 30.August 1940 wurde dieses Geschäft der Öffentlichkeit bekanntgegeben, aber erst ab Ende 1940 konnten diese Zerstörer auf den Geleitzugrouten eingesetzt werden.
Diese zusätzlichen Begleitschiffe konnten die Verluste der Briten die diese bei der Evakuierung der Truppen bei Dünkirchen erlitten hatten, mehr als ausgleichen.

Der erste amerikanische Zerstörer, der geliefert wurde, wurde bezeichnenderweise auf den Namen HMS Churchill getauft.


England am Rand der Niederlange

Anfang September 1940 kam es zum ersten koordinierten Angriff der U-Boote auf einen Geleitzug. Es war der erste Angriff einer U-Boot-Gruppe, die von den Alliierten wenig später Wolfsrudel genannt wurden. Nachdem der B-Dienst, der Funkbeobachtungsdienst der Kriegsmarine, Funksignal des Geleitzuges SC 2 entschlüsselt hatte, wurden alle verfügbaren Boote auf diesen Konvoi angesetzt. Als erstes wurden die 53 Handelsschiffe von U 65 unter Kapitänleutnant v. Stockhausen gesichtet. Seine Peilsignale führten die anderen Boote an den Geleitzug heran, aber ein Sunderland-Flugboot konnte die Angreifer unter Wasser drücken. Doch am 07. und 08.September gelang es U 47 vier und U 28 ein Handelsschiff mit insgesamt 20943 BRT zu versenken.
Im September und vor allem im Oktober kam es zu weiteren Geleitzugschlachten, in denen die Briten hunderttausende Tonnen an Schiffsraum und wertvoller Ausrüstung verloren. Während die britischen Verluste rapide anstiegen, verloren die Deutschen kaum noch eine ihrer angreifenden U-Boote. Die Angriffstaktik von Karl Dönitz schien das britische Geleitzugsystem zu schlagen. Churchill persönlich übernahm die Koordination der Gegenmaßnahmen. Weitere Zerstörer wurden aus dem Kanal in die Western Approaches verlegt. Die Zahl der Seeflugzeuge konnte erhöht werden, da die Royal Air Force in der Luftschlacht um England Sieger geblieben war. Die Entwicklung einer Radarausrüstung für die kleinen Schiffe wurde fieberhaft vorangetrieben. In Liverpool wurde ein völlig selbstständiges Kommando für die Western Approaches gebildet, das die Führung und Koordination der Geleitzüge übernahm. Doch erst die Herbststürme und die Kälte auf dem Atlantik brachten den Briten die erhoffte Erleichterung gegen Ende des Jahres.
Ende des Jahres 1940 waren nur noch zwei U-Boote einsatzbereit im Atlantik verblieben. Durch die verstärkten Abwehrmaßnahmen waren diese wenigen Boote gezwungen, weiter draußen im Atlantik zu operieren. Das Problem war das Finden der Geleitzüge. In England war inzwischen ein sogenannter Submarine Tracking Room innerhalb des OIC, des Marine-Nachrichtendienstes, gebildet worden. Unter der Führung von Commander Rodger Winn, einem Reserveoffizier, wurden hier alle angepeilten Funksignale, Sichtmeldungen und alle weiteren Beobachtungen gesammelt und ähnlich einer kriminalistischen Arbeit ausgewertet. Aufgrund dieser so gewonnenen Informationen wurden an einer großen Tafel die wahrscheinlichen Positionen der deutschen U-Boote dargestellt. Diese Informationen gestattete es der Royal Navy, die Geleitzüge oftmals an den deutschen U-Booten vorbeizuschleusen. Im Grunde genommen konnten die Briten aber nur raten, wo Admiral Dönitz seine U-Boote aufgestellt hatte. Oftmals liefen die Geleitzüge genau in die Aufklärungsstreifen hinein und mußten sich ihren Weg durch die U-Boot-Rudel kämpfen. Ohne die dringend benötigte Entschlüsselung der deutschen U-Boot-Funksprüche konnte kein genaues Lagebild geliefert werden.

Das amerikanische Leih-und-Pacht-Gesetz

Ende 1940 waren die Bargeldbestände, die Wertpapiere und die Goldreserven des britischen Empires fast aufgebraucht. Doch nach amerikanischem Recht (cash and carry) mußten alle Kriegsgüter bei Abholung bar bezahlt werden. Um dem bedrohten Inselreich dennoch weiter helfen zu können, brachte Präsident Roosevelt das sogenannte Leih-Pachtgesetz auf den Weg. Nach einem Gesetz von 1892 ermöglichte es dem amerikanischen Kriegsminister, Waffen und Ausrüstung der US-Army an die Armeen andere Nationen zu leihen, wenn dies im Interesse der amerikanischen Nation war. Am 11. März 1941 konnte der Präsident das Gesetz unterzeichnen und Englands Versorgung mit kriegswichtigem Material war wieder gesichert. Churchill antwortete: "Segenswünsche vom ganzen britischen Empire gehen an Sie und die amerikanische Nation für diese teilnehmende Hilfe in schwerer Zeit"

Das Frühjahr 1941

Nachdem die schweren Winterstürme abgeflaut hatten, stieg die Erfolgsrate der U-Boote sofort wieder an. Die Ministerien in England errechneten die Versorgungslage und kamen zu dem Schluß, das Großbritannien bei gleichbleibender Lage das Jahr 1942 nicht überstehen würde. Am 06.März 1941 gründete der englische Premierminister das "Atlantik-Komitee" und proklamierte die "Battle of Atlantik". Nachdem die drohende Gefahr einer Invasion vorerst gebannt schien, richtete sich nun alle Aufmerksamkeit auf den Handelskrieg im Atlantik. Immer mehr Geleitschiffe stießen zur Royal Navy. Verbesserungen in den Häfen und den Dockanlagen brachte eine spürbare Beschleunigung bei der Abfertigung der Schiffe. Allein 40.000 Soldaten wurden in die Häfen an der britischen Westküste verlegt. Der wichtigste Schritt aber war die Verbesserung der Ausbildung der Besatzung und eine neue Taktik bei der Geleitzugverteidigung.

Die Überlebenden von U 99 gehen in britische Gefangenschaft

Diese Maßnahmen zeigten schon bald die ersten Erfolge. Im März 1941 plante Admiral Karl Dönitz eine neue U-Boot-Offensive. Er stellte seine U-Boote südlich von Island auf, um die heimwärts laufenden Konvois packen zu können. Am 06.März sichtete Priens U 47 den westwärts laufenden OB 293. Über Peilzeichen wurden drei weitere U-Boote herangeführt, ehe der Angriff begann. Doch diesmal gelang es der einheitlich handelnden Escort-Gruppe, alle angreifenden U-Boote unter Wasser zu drücken. U 70 unter Kapitänleutnant Matz wurde mit Wasserbomben eingedeckt und mußte beschädigt auftauchen. An der Oberfläche erwartete ihn schon die Korvette Arabutus. In den nächsten Stunden begann ein neuer Angriff. Doch auch diesmal hatten die Deutschen keinen Erfolg. Nach stundenlanger Jagd wurde ein weiteres U-Boot versenkt. Wie sich herausstellen sollte, war es das U 47 unter Korvettenkapitän Prien, das mit seiner gesamten Besatzung untergegangen war.
Eine Woche später wurde der heimwärts laufende Konvoi HX 112 von Kapitänleutnant Lemp gesichtet. Bei den darauffolgenden Angriffen werden zwar wieder mehrere Frachter und Tanker versenkt, doch auch diesmal gehen mit U 99 unter Kretschmer und U 100 unter Schepke zwei der erfolgreichsten U-Boote verloren. U 100 wurde dabei vom Zerstörer Vanoc mit dem neuen 286 M-Radar geortet. Es war der erste Erfolg dieser neuen Technik.
Innerhalb einer Wochen hatte Dönitz drei seiner besten Asse verloren. Doch während die deutsche Propaganda jeden Erfolg der U-Boote sofort meldete, wurde der Tod dieser "Helden" erst Wochen später bekanntgegeben. Am 02.Mai meldete die Wochenschau: "Das von Korvettenkapitän Prien geführte Unterseeboot ist von seiner letzten Feindfahrt nicht zurückgekehrt. Mit dem Verlust diese Bootes muß gerechnet werden. ..."
Die nachfolgenden U-Boot-Kommandanten reichten nie wieder an das Können dieser Männer heran.
Dieser erste größere Erfolg der Escortgruppen ist auf eine verbesserte Taktik zurückzuführen. Bei der Verfolgung der U-Boote arbeiteten fast immer mehrere Begleitschiffe zusammen. Während das eine Schiff mit Asdic den Kontakt zum U-Boot hielt und jede Bewegung verfolgte, lief das andere Boot zum Wasserbombenangriff an.
In der Führungsstelle der deutschen U-Boote bei Kernevel an der französischen Atlantikküste mußte der Führungsstab um Admiral Dönitz feststellen, daß die "glückliche Zeit" der U-Boote vorüber war. Die monatlichen Versenkungszahlen waren von acht Schiffen pro Monat und Boot auf zwei Frachter gefallen. Die ungewöhnlich hohen Verluste wurden zunächst einer neuen Geheimwaffe zugeschrieben. Um die Boote nicht unnütz zu gefährden, zog Dönitz seine U-Boote weiter raus in den Atlantik, wo die Geleitzüge noch nicht von den Escortgruppe gesichert wurden.

Zusammenfassung

Gestützt auf die neuen Stützpunkte am Atlantik und in Norwegen konnten die wenigen U-Boote unter ihren erfahrenen Kommandanten, den sogenannten Assen, große Erfolge im Seegebiet westlich von England erzielen. Hier bündelte sich der Geleitzugverkehr, aber die Abwehrkräfte der Briten waren durch die drohende Gefahr einer Invasion über den Kanal entscheidend geschwächt. Durch die kürzeren Anmarschwege standen mehr U-Boote im Operationsgebiet, sodaß es der U-Boot-Führungsstelle immer wieder gelang, mehrere U-Boote zu einem Wolfsrudel zu formieren und damit einen einmal gesichteten Konvoi massiv anzugreifen. Erst nachdem die Gefahr einer Invasion gebannt war, konnten die verstärkten Escort-Gruppen zusammen mit den Flugzeugen des Coastal Command die Angreifer aus diesem Seegebiet abdrängen.

 

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