April bis Dezember 1941

Autor: Mario Golze

U 110 wird am 09.Mai 1941 nach seiner Kaperung vom britischen Zerstörer Bulldog in Schlepp genommen

 

"Als ich diese dicht gedrängte Gemeinde von Soldaten derselben Sprache, desselben Glaubens, derselben Ideale und zu einem großem Teil derselben Interessen sah, ... , überkam mich das Gefühl, daß hier die einzige Hoffnung, aber auch die sichere Hoffnung gegeben war, die Welt vor gnadenloser Erniedrigung zu retten."
Winston Churchill über das Treffen mit dem amerikanischen Präsidenten in der Bucht von Argentia im August 1941

 

Mit dem Verlust drei seiner besten U-Boot-Kommandanten hatte der BdU, Admiral Karl Dönitz eine schwere Niederlage einstecken müssen. Da die Ursache für die Abwehrerfolge der Briten zunächst einer neuen, geheimen Abwehrtechnologie zugeschrieben wurde, zog Dönitz seine Boote aus dem Seegebiet vor England weiter in den Atlantik hinaus. Einerseits konnten die Geleitzüge nun um die vom Submarine Tracking Room vermuten U-Boot-Aufstellungen herumgeführt werden, andererseits mußten die Escort-Groups die Geleitzüge weiter in den Atlantik hinausbegleiten, wodurch die Anzahl der Begleitschiffe pro Geleitzug wieder sank. Die Konsequenzen dieser veränderten Lage auf dem Atlantik bekam zuerst der langsame Geleitzug SC 2 zu spüren, der sich zwei Tage lang ohne Geleit durch ein Wolfsrudel durchkämpfen mußte, bevor er in den Bereich der Luftdeckung gelangte und die Geleitschiffe zu ihm stießen.
Nachdem sich nun der Zufuhrkrieg in die Weiten des Atlantiks verschoben hatte, kam sowohl der U-Boot-Führungsstelle im französischen Kernevel, als auch den alliierten Kommandozentralen in England eine größere Bedeutung zu. Die Langstreckenflugzeuge der britischen und kanadischen Luftwaffe hatten eine zu geringe Reichweite und waren deshalb nicht in der Lage, den gesamten Atlantik zu überwachen. Auch nachdem auf Island Landeplätze eingerichtet worden waren, klaffte in der Mitte des Atlantiks immer noch ein riesiges Loch. An beiden Seiten dieser Zone stellte Admiral Dönitz seine U-Boote in langgezogene Aufklärungsstreifen quer zu den vermuteten Geleitzugrouten auf. Hatte ein U-Boot einen Geleitzug ausgemacht, führte es durch Peilzeichen die anderen Boote der Gruppe heran, bevor der Angriff begann.
Der britische Submarine Tracking Room hingegen bemühte sich, die Aufstellungen der deutschen U-Boote zu ermitteln, damit das Western Approaches Command die Geleitzüge um die U-Boote herumleiten konnte. Im Frühsommer 1941 kam es zu mehreren bedeutenden Ereignissen, welche die Schlacht im Atlantik entscheidend beeinflußten.

Die Operation Ultra.

Schon Jahre vor dem Krieg kam bei der deutschen Wehrmacht ein Gerät mit dem Namen ENIGMA zum Einsatz, mit dem die Funksprüche soweit verschlüsselt werden konnten, das es unmöglich schien, diese jemals zu entschlüsseln, ohne genaue Kenntnisse von den Einstellungen dieser Maschine zu haben. Besonders für die deutsche Marine, die naturgemäß viele ihrer Nachrichten und Befehle an die Schiffe funken mußte, war diese ENIGMA unverzichtbar geworden.
Schon Jahre vor dem Krieg versuchten polnische, französische und britische Experten, das Geheimnis der ENIGMA zu lüften. Eine der nötigen Vorraussetzungen war der Besitz von gültigen Schlüsselunterlagen. Alle Schiffe der Royal Navy hatten deshalb den Befehl erhalten, jede sich bietende Gelegenheit zu nutzen, um ein feindliches Schiff oder U-Boot zu kapern und diese Unterlagen zu erbeuten.
Am 07.Mai 1941 gelang es einem britischem Verband, das deutsche Wetterschiff München im Nordatlantik zu kapern. Dabei wurden wichtige Unterlagen erbeutet. Zwei Tage später wurde bei der Geleitzugschlacht U 110 unter Fritz-Julius Lemp zum Auftauchen gezwungen und ebenfalls gekapert. Noch wichtiger war allerdings die Tatsache, das die Besatzung vorher unter Deck gebracht worden war, sodaß die erfolgreiche Kaperung des U-Bootes geheimgehalten werden konnte. Alle deutschen U-Boot-Männer hatten nämlich den Befehl erhalten, in ihrer Kriegsgefangenenpost geheime Botschaften zu verschlüsseln, um der Heimat wichtige Nachrichten zukommen zu lassen
Mit Hilfe der erbeuteten Unterlagen gelang es den Experten im Bletchley Park, einem Landsitz nördlich von London zum ersten Mal die deutschen Funksprüche zu entziffern. Von nun an erhielt der Submarine Tracking Room genaue Kenntnisse über die Absichten der deutschen U-Boot-Führung.

Ein alter englischer Landsitz ca. 60 km nördlich von London mit Namen Bletchley Park.

In diesen Baracken arbeiteten Tausende von Spezialisten während des gesamten Krieges an der Entzifferung deutschen Funksprüche.
Viele kriegsentscheidende Nachrichten kamen aus dieser Quelle zu den obersten Führungsstäben, aber nur ganz wenige wußten von dieser Operation. Dieses größte Geheimnis des Krieges wurde erst 25 Jahre nach Kriegsende gelüftet.


Während der BdU seine U-Boote über Funk in neue Positionen schickte, um die Geleitzüge auf dem Atlantik abfangen zu können, las Bletchley Park diese Funksprüche zeitgleich mit und konnte über den Submarine Tracking Room alle relevanten Informationen an das Western Approaches Command weitergeben, sodaß die Geleitzüge an den U-Booten vorbeigeleitet werden konnten. Wenn dies nicht mehr möglich war, wurden die Geleitschiffe an den gefährdeten Geleitzügen konzentriert, während andere Geleitzüge ohne Sicherung ihren Weg fortsetzen konnten.
Durch die entschlüsselten Funksprüche gelang es den Briten im Juni 1941, dreizehn deutsche Wetterschiffe und Tanker auf dem Atlantik ausfindig zu machen und zu versenken. Nach der Vernichtung der Bismarck sollten diese Versorgungsschiffe die U-Boote versorgen. Doch dies wurde ihnen zum Verhängnis.

Im Juli 1941 fielen die Versenkungserfolge von über 310.000 BRT auf 90.000 BRT. Im August wurden nicht einmal diese Zahlen erreicht. Dönitz argwöhnte sofort Verrat. Als erste Maßnahmen wurde der Kreis der Offiziere, die über die U-Boot-Aufstellungen Bescheid wußten, eingeengt. Auch die täglichen Lageberichte an das Oberkommando der Kriegsmarine wurden eingestellt. Experten wurden beauftragt, zu prüfen, ob den Briten ein Einbruch in den deutschen Funkschlüssel gelungen sein könnte. Aber alle Experten waren sich einig, das selbst wenn der Gegner aktuelle Schlüsselunterlagen erbeutet hätte, er nicht in der Lage wäre, die Funksprüche über das Gültigkeitsdatum hinaus mitlesen zu können.

Ein Bomber erbeutet ein U-Boot.

Am 27.August 1941 kam es zu einem seltenem Ereignis, als das deutsche U-Boot U 570 von einem Flugzeug gekapert wurde. Eine Hudson der 269. Staffel des Coastel Command bombte das U-Boot unter Korvettenkapitän Hans Rahmlow tauchunklar und griff es anschließend mit Bordwaffen an. Kurze Zeit später signalisierten die U-Boot Männer mit einer weißen Flagge ihre Kapitulation. Squadron Leader Thompson forderte über Funk die Marine an und kreiste noch Stunden über dem U-Boot. Später löste ihn eine Catalina ab und am Abend erschien der bewaffnete Trawler Northern Chief. Am Morgen des 28. August wurde die deutsche Besatzung geborgen und das U-Boot in Schlepp genommen und nach Island gebracht.
Auch wenn alle geheimen Unterlage und die ENIGMA vorher über Bord geworfen worden waren, brachte die Untersuchung des deutschen U-Bootes einige Überraschungen für die britischen Experten. Unter anderem konnte man nun feststellen, das die Deutschen sehr viel tiefer tauchen konnten, als bisher angenommen. Als Konsequenz wurden sofort die Zündmechanismen der Wasserbomben auf über 200 Meter Tiefe erweitert.
U 570 wurde später als HMS Graph von der Royal Navy in Dienst gestellt.

Ein gewaltiges Schiffbauprogramm

Trotz aller Abwehrerfolge war die Versorgungslage der Briten immer noch sehr kritisch. Im April 1941 mußte der amerikanische Präsident Roosevelt zugeben, das die Deutschen immer noch dreimal soviel Schiffe versenkten, wie auf den britischen und amerikanischen Werften gebaut werden konnten. Dönitz schien seinen Wettlauf gewinnen zu können, zumal die Anzahl seiner U-Boote sehr bald ansteigen sollte, da mit einem vermehrten Zulauf aus den deutschen Werften gerechnet werden konnte.
In dieser Situation hatte der amerikanische Industrielle Henry J. Kaiser einen genialen Plan. Um die Kapazität de Werften zu steigern, ließ er komplette Schiffssegmente im Binnenland produzieren, die in den Werften nur noch montiert zu werden brauchten. Am 17. August 1941 lief das erste Schiff dieser sogenannten Liberty-Schiffe vom Stapel.

Die von einem U-Boot geretteten Überlebenden des Hilfskreuzers Atlantis werden in einem französischen Hafen empfangen.

 

Dönitz ändert seine Strategie

Währenddessen ging im Nordatlantik die deutschen Jagd nach den britischen Geleitzügen weiter. Am 09.September 1941 sichtete ein U-Boot den schwach gesicherten SC 42, der, einem Sturm ausweichend, genau in einen U-Boot-Aufklärungsstreifen lief. Der Konvoi verlor 16 Frachter bei zwei versenkten U-Booten. Dieser deutsche Erfolg war möglich geworden, da die Deutschen neuerdings ihre Quadratangaben überschlüsselten und Bletchley Park dadurch einige Tage mehr zum Entschlüsseln brauchte.
Aufgrund der ausbleibenden Erfolge im Nordatlantik verlegte Dönitz seine Aufmerksamkeit nach Süden. Einige U-Boote wurden in das Gebiet der Kap Verdischen Inseln geschickt, wo sie die Geleitzüge der Kaproute angreifen sollten. Doch die Briten wußten Bescheid und leiteten ihre Konvois weit nach Westen in die panamerikanische Sicherheitszone um. Im Oktober liefen weitere U-Boote mit dem Versorger Python in das Seegebiet um Südafrika. Durch entzifferte Funksprüche der U-Boote gelang es den Briten die Standorte der Versorgungsschiffe ausfindig zu machen. Am 21.November 1941 wurde der heimkehrende Hilfskreuzer Atlantis vom schweren Kreuzer Devonshire versenkt, als er gerade ein U-Boot betanken wollte. 10 Tage später erlitt der Versorger Python das gleiche Schicksal. Als der britischen schwere Kreuzer Dorsetshire am Horizont erschien, versenkte die Besatzung des Frachters ihr Schiff und ging in die Boote. Die Überlebenden wurden von den, in diesem Seegebiet operierenden U-Booten, gerettet und nach Frankreich gebracht. Doch damit war der Versuch, den U-Boot-Krieg nach Süden auszuweiten, gescheitert.
Auf Befehl der Seekriegsleitung mußte der BdU im Herbst 1941 den größten Teil seiner U-Boote in das Mittelmeer abgeben, um die, von den Briten hart bedrängten Nachschubkonvois nach Nordafrika zu unterstützen. Obwohl sie dort zunächst, mit der Versenkung des Flugzeugträgers Arc Royal und des Schlachtschiffes Barham, spektakuläre Erfolge erzielten, fehlten sie doch im entscheidenden Kampf auf dem Atlantik.
Die meisten seiner, im Atlantik verbliebenen Boote wurden in das Seegebiet westlich von Gibraltar befohlen, um die alliierten Nachschubkonvois für Nordafrika abzufangen. Nachdem der Geleitzug SL 87 durch vier angreifende U-Boote neun Frachter verloren hatte, stellten die Briten ihre Geleitzüge ein, bis ausreichend Geleitschutz zur Verfügung stand. Am 14. Dezember 1941 liefen die 31 Frachter des HG 36 aus Gibraltar Richtung England aus. Gesichert wurden sie vom kleinen Flugzeugträger Audacity und 15 Geleitschiffen unter dem Kommando des erfahrenen "Jonny" Walker. Sieben deutsche U-Boote der Gruppe "Seeräuber" sollten diesen wichtigen Konvoi angreifen, doch in einer mehrtägigen Schlacht konnten die Geleitschiffe vier Angreifer vernichten. Dabei verloren sie nur ein Handelsschiff, den Träger Audacity und einen Zerstörer. Dies war ein großer Sieg für die Briten.

Der amerikanische Zerstörer USS Kearny wurde von einem deutschen U-Boot torpediert, als er Geleitschutz für einen Geleitzug im Atlantik fuhr.
Da die Kearny eines der modernsten Kriegsschiffe der US-Navy war, konnte das Schiff gehalten werden und erreichte schwerbeschädigt seinen isländischen Stützpunkt.

 

Amerikas Weg in den Krieg

Von Anfang an war es das erklärte Ziel des amerikanischen Präsidenten, den Demokratien der Welt beizustehen und eine Weltherrschaft der Achsenmächte nicht zuzulassen. Doch die isolationistische Bewegung in den USA durfte nicht unterschätz werden. Diese Kräfte waren der Ansicht, das sich die USA aus "allen fremden Kriegen" heraushalten sollte und das nie wieder "die Söhne amerikanischer Mütter in Europa sterben dürften". Trotzdem unternahm Roosevelt alles mögliche, um den Briten in ihrem Kampf gegen das deutsche Naziregime beizustehen. Im April 1941 erfolgte ein weiterer Schritt, als er die panamerikanische Sicherheitszone bis in die Mitte des Atlantiks an den 26. Breitengrad verschob. Im Mai 1941 lösten amerikanische Marineinfanteristen die britische Garnison auf Island ab und im August trafen sich in der Bucht Argentia auf Neufundland Churchill und Roosevelt, um die Atlantikcharta zu proklamieren. Auf der Grundlage dieser Charta entstanden Jahren später die Vereinten Nationen.
Am 05. September 1941 wurde der amerikanische Zerstörer Greer torpediert, nachdem ein britischen Flugzeug Wasserbomben auf ein getauchtes U-Boot abgeworfen hatte und der deutsche Kommandant in dem Zerstörer den Angreifer sah. Während Roosevelt nun befahl, auf jedes deutsche U-Boot zu schießen, verlangte Hitler von seine U-Boot-Kommandeuren äußerste Zurückhaltung bei US-Kriegsschiffen. Bis zum erhofften Ende des Rußlandfeldzuges wollte er keinen Krieg mit den Vereinigten Staaten riskieren. Einen Monat später wurde der US-Zerstörer Kearny torpediert und schwer beschädigt. Die elf Seeleute, die dabei fielen, waren die ersten amerikanischen Toten in diesem noch nicht erklärten Krieg. Am 31. Oktober wurde der Zerstörer Reuben James versenkt. Die US-Navy befand sich zu diesem Zeitpunkt praktisch schon im Krieg mit Deutschland. Doch noch immer scheute sich Roosevelt, Deutschland den Krieg offiziell zu erklären. Erst fünf Wochen später löste der japanische Überfall auf Pearl Harbor den Krieg im Pazifik aus. Mit der Kriegserklärung an die USA beging Hitler einen schweren Fehler, denn nach dem Dreimächteabkommen war er dazu nicht verpflichtet, da Japan der Angreifer war.


Zusammenfassung

Im Frühjahr 1941 gelang es britischen Experten, in den Funkschlüssel der deutschen U-Boote einzudringen. Dies führte dazu, das die Geleitzüge um die deutschen U-Boot Aufstellungen herumgeführt werden konnten. Durch verbesserte Abwehrtaktiken und der Einführung neuer Technik wie dem Radar und besserer Waffen gelang es den immer stärker werdenden Konvoisicherungsgruppen, die angreifenden U-Boote immer öfter von den Konvois abzudrängen und zu vernichten. Nach dem Einmarsch in Rußland wurden viele Flugzeuge an die Ostfront verlegt, sodaß die Briten die Luftherrschaft über die See wiedergewannen. Durch die Abgabe viele seiner U-Boote ins Nordmeer, in die Ostsee und in das Mittelmeer brach der Geleitzugkrieg auf dem Atlantik immer mehr zusammen. Die Alliierten schienen den Kampf gegen die U-Boote gewonnen zu haben.

 

weiter zur Phase 4