Die Bedienung der 15cm-Schiffsartilleriegeschütze (Einzellafette) auf
"Admiral Scheer" (und seinen Schwesterschiffen)

Bericht und Bilder von Autor: Eberhard Witzel

 

 

Mittelartillerist zu  sein, erforderte viel Kraft, weil die 15-cm-Kanone das schwerste mit Muskelkraft zu bedienende Geschütz in der Flotte war. Es benötigte eine 10-köpfige Bedienungsmannschaft, deren Funktionen folgende waren:

Steuerbord Mittelartillerie und achtere schwere Artillerie auf ADMIRAL SCHEERNr. 1
Geschützführer und Bediener einer Handkurbel zum Schwenken des Geschützes.
Nr. 2
Bediener der Rohrhöheneinstellung mittels Handrad
Nr. 3
Richtungsweiser und Befehlsübermittler der Zielrichtung aus der Rechenstelle
Nr. 4
Aufsatzweiser und Befehlsübermittler der Rohrhochstellung aus der Rechenstelle
Nr. 5
Granatnummer
Nr. 6 + 7
Ansetzer, die mit dem "Ansetzer" Granate und Kartusche ins Rohr zu befördern hatten
Nr. 8
die Kartuschnummer
Nr. 9
die Verschlußnummer
Nr. 10
die Kartuschhülsenauffangnummer

 Geschossen wurde in der Regel nicht in Einzelfeuer, sondern in Breitseiten aller vier Geschütze im Salventakt von angestrebten und auch in der Regel erreichten 6 sek.! Die schießende Seite hieß  Feuerluvseite. Die Bedienungsmannschaften der Feuerleeseite hatten die feuernden Geschütze mit Munition zu versorgen, die in Aufzügen aus den Munitionskammern an Deck befördert wurde. Beim  Auf- und Abfahren des Schiffes z.B. vor einer Küste im Landzielbeschuss bedeutete das einen ständigen Wechsel der Tätigkeit.

Entfernungsmessgeräte in hoher Position (10 m-Basis) peilten das Ziel an ( beim Landbeschuss wurde  mit VB's = vorgeschobenen Beobachtern zusammengearbetet, die ihre Zielangaben von Land aus per UKW-Funk zum Schiff meldeten.) die Rechenstelle wertete diese Daten aus und gab die Zielvorgaben  auf Instrumente in die Geschütze, die innerhalb weniger Sekunden feuerbereit sein und in Schussposition gebracht werden mussten. Die Abfeuerung wurde zentral aus der Rechenstelle in dem  Moment ausgelöst, in dem Schiffsbewegung und Rohrstellung der errechneten Zielrichtung entsprach. In den Geschützen ertönte für wenige Sekunden die "Feuerglocke", während der die Abfeuerung zentral  erfolgte. Innerhalb dieses minimalen Zeitraums konnte jedes einzelne Geschütz auch noch vom Geschützführer per Hebel an seinem Handrat, oder von der Verschlussnummer an einer Zugschnur  abgefeuert werden, falls das Geschütz um einen Moment verspätet schießberet war.

Für die Bedienungsmannschaft bedeutete das in jeder Minute 10 mal eine peinlichst aufeinander  abgestimmte Prozedur, nämlich alle nachfolgend geschilderten Handgriffe wie "im Schlafe" zu beherrschen. Das Schnellladen wurde in wochenlangem täglichen Training mit Blindmunition an einer  "Ladekanone" geübt und jeder musste auch die Griffe jeder anderen Nr. beherrschen. D.h., im Ernstfall waren bei einem Salventakt von sechs Sekunden 10 mal in einer Minute folgende Handgriffe ausgeführt werden:


1.)
Nr.5 nahm die 48,5 Kg schwere Granate auf und schob sie ins Geschützrohr
2.)
Nr.6+7 stieß diese mit dem Ansetzer so tief ins Rohr, bis sie mit ihren Granatringen fest in den Zügen steckte.
3.)
Nr.8 nahm eine 22 Kg schwere Kartusche auf und schob sie ins Rohr,
4.)
Nr.6+7 setzten diese bis zum Anschlag an. Das löste eine Arretierung, die den Verschluss halb hoch schnellen ließ.
5.)
Nr.9 schloss vollends mit dem Verschlusshebel und nutzte dabei die vorher ausgelöste Aufwärtsbewegung des 140 Kg schweren "Fallblockverschlusses".
6.)
Nr.2 kurbelte per Handrad das Rohr in die ihm angezeigte Höhenstellung,
7.)
Nr.1 schwenkte per Handkurbel das Geschütz in die ihm angezeigte Zielrichtung.
8.)
Sobald die Feuerglocke schrillte, wurde zentral abgefeuert,
10.)
Nr.9 öffnete den Verschluss und
11.)
Nr.10 fing die dabei ausgeworfene glühendheiße Kartuschhülse auf und legte sie ab.
12.)
Nr.2 senkte das Rohr wieder in Ladestellung.
13.)
Nr.3+4 waren per Kopfhörer mit der Artillerieleitung verbunden und meldeten alle durchgegebene Anweisungen ins Geschütz. Gleichzeitig hielten sie Zeiger ihrer Instrumente mit denen der Rechenstelle  ständig in Deckung, was Nr. 1+2 auf ihre Instrumente übertragen wurde, wobei sie beim Heben und Schwenken ihrerseits die Zeiger in Deckung zu bringen hatten

 Hier noch einige Bemerkungen zur Mittelartillerie auf Admiral Scheer. Wir lernten auswendig aufzusagen etwa:

"Die 15 cm SK C28 (= Seezielkanone Konstruktionsjahr 1928) auf MPL C28 (= Mittel-Pivot-Lafette  Konstruktionsjahr 1928) mit halbautomatischem Fallblockverschluß ist in der Lage bei 6 sek Salventakt Ziele bis zu 180 hundert (= 18 Km) punktgenau zu treffen.

 Mittelartillerist auf Admiral Scheer zu sein bedeutete aber auch: Am 15cm-Geschütz stets an der frischen Luft an Oberdeck zu sein, das Geschehen um das Schiff unmittelbar miterleben zu können und  weitere Funktionen als "Kuttergast", sowie das Anker- und Leinenkommando auszuüben.

Alle drei Panzerschiffe der Deutschlandklasse "Deutschland" später = Schwerer Kreuzer "Lützow",  "Admiral Scheer" (nach Umbau 1940 ebenfalls schwerer Kreuzer),. Sowie "Admiral Graf Spee" die bereits Anfang des Krieges durch Sprengung und Selbstversenkung in der La Plata-Mündung bei  Montevideo wegfiel, waren neben den jeweils sechs 28-cm-Geschützen in Drillingstürmen mit acht 15-cm-Geschützen, jeweils vier an Steuer- und Backbordseite als sogenannte "Seezielartillerie" ausgerüstet.

15cm Granaten und Kartuschen

Ansetzen der Granate

Laden der Granate

Üben an der Ladekanone